Ich wurde in Chile an einem Tag zweimal beschissen um den Finger gewickelt. Einmal mit Liebreiz, einmal mit Hinterfotzigkeit. Das eine Mal um 100 Pesos (12,5 Cent), das andere Mal um 1000 Pesos (1,25 Euro). Was ich nicht möchte: in euch den Eindruck erwecken, Chile sei ein Land voller Betrüger. Ist es nicht. Nein, ich möchte euch einfach davon erzählen.
Das stumme Blumenmädchen
Ich saß gerade auf einer Parkbank auf der Plaza Victoria, beschäftigt mit meiner Fotokamera, als sich mir ein weibliches Wesen näherte. Weißgeschminktes Gesicht wie ein Clown, schwarze Haare. Ohne ein Wort zu sagen, aber verschmitzt grinsend, deutete es auf die Blumen in seiner Hand: Blüten und Blätter aus Schaumstoff auf einem Holzstengel. Gestenreich und wortfrei deutete es mir an, dass die Blumen 100 Pesos kosten. Nicht, dass ich an diesem Tag vorhatte, Blumen aus Schaumstoff zu kaufen. Aber wie elektrisiert griff ich zum Geldbeutel, gab dem Blumenmädchen eine 100-Pesos-Münze und suchte mir eine Blume mit oranger Blüte aus.
Der wortreiche Filmjunge
Am selben Tag wanderte ich die Avenida Pedro Montt entlang, eine der belebtesten Straßen Valparaísos. Ein Jugendlicher hielt mich auf und hielt einen Monolog über das, was da ausgebreitet auf dem Gehweg lag: DVDs von Kinofilmen. Ich verstand nicht sehr viel, aber ich wurde neugierig. In China zum Beispiel floriert das Geschäft von raubkopierten DVDs zum Spottpreis. Ich ließ seinen Wortschwall über mich ergehen, unterbrach mit Fragen, wann es mir möglich schien, da ich der Sache auf den Grund gehen wollte. Er erklärte mir, er hätte einen Rekorder, mit dem er Filmrollen auf DVDs überspielen könne. Oder so. In Chile sei das legal.
Aber er tat vor allem eines: Er pries sein Angebot an. Er habe Filme, die in Chile aktuell im Kino laufen, gerade erst ins Kino kommen oder gar noch nicht im Kino sind. Die größten Kassenschlager. Terminator 4, Final Destination 4, Slumdog-Millionär, den neuen mit Brad Pitt, den neuen mit Jodie Foster, Pornofilme, so ich die denn wolle. Alle in DVD-Qualität. In seiner Wohnung habe er insgesamt 10.000 Filme. Oder so. Er zeigte mir seine Bibel, ein Verzeichnis aller seiner Filme. Er fragte mich nicht nach meinem Filmgeschmack oder ob ich überhaupt Interesse an seinen Filmen hätte, und bot mir weitere Filme an. Alle für nur 1000 Pesos pro Stück.
Dann hatte ich genug erfahren. Ich wollte so eine Raubkopie DVD ausprobieren, suchte mir eine aus, eine chilenische Teenagerkomödie, die mich neugierig auf chilenische Teenagerkomödien machte. Ich teilte es ihm mit, er fragte mich, ob ich nicht mehr wolle, er habe auch xxx und blablabla und, wie bereits erwähnt, Terminator 4 und Final Destination 4. Nein, ich will nur den einen Film. Er verschwand, um den Film zu holen, in einem Gebäude nebenan. Die Minuten verstrichen, ich hätte abhauen können. Aber die Neugier und die Fairness zu diesem eifrigen Verkäufer in der Erwartung eines erfolgreichen Geschäfts ließ mich warten. Er kam wieder, meinte, er hätte ein Problem mit dem Schlüssel für sein Appartement. Und ob ich nicht noch mehr DVDs kaufen wolle. Nein, nur den einen Film. Er verschwand wieder, einige Minuten später kam er wieder, mit der DVD in der Hand. Oder besser gesagt einer Papierhülle, die Abkürzung des Filmtitels links oben mit Kugelschreiber hingeschrieben. Darin ein DVD-Rohling ohne Beschriftung.
Ich wurde wieder etwas skeptischer. Schaute mir die Rückseite der DVD an, ohne darauf zu erkennen, ob sie bespielt war, fragte ihn, wie ich wissen könne, dass dort wirklich das drauf sei, was er verspricht. Er meinte, er sei an diesem Ort bis zum späten Abend, bei Beschwerden könne ich ihn aufsuchen. Damit gab ich mich zufrieden, er bekam seine 1000 Pesos, ich meine DVD, Neugier und Fairness hatten gesiegt. Jedoch nicht von seiner Seite: Bei der Probe im DVD-Laufwerk zuhause stellte ich fest, dass die DVD leer war.
Der weitere Verlauf
Ich zog noch einen Gewinn aus dem Blumenmädchen. Ich war gerade unterwegs im Auftrag meines Fotojournalismusseminars, Persönlichkeiten Valparaísos abzulichten. Mit seinem Liebreiz kam das Mädchen mir gelegen. Ich fragte es nonverbal – denn nur so ging die Kommunikation mit ihm –, ob ich ein Foto von ihm schießen könne. Es war einverstanden, ich schoss das Foto, es gab mir die Hand, dann ging es weiter, um den nächsten Parkbesucher um den Finger zu wickeln. Vermutlich mit Erfolg; ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand ihr mit ihrer herzerweichenden Liebenswürdigkeit einen Schaumstoffblumenkauf verneinen könnte.
Der Filmjunge brachte mir einen Verlust von 1000 Pesos, oder – positiv gesehen – den Erwerb eines DVD-Rohlings. Einige Tage später sah ich im unweiten Viña del Mar auf dem Gehweg wieder einen Filmjungen. Ich glaube, es war mein Filmjunge. Ich glaube, er sah mich auch. Ich glaube, er versuchte, sein Gesicht zu verbergen. Ich schaute mich noch länger nach ihm um, er wirkte nervös, wie er so auf dem Gehweg stand und nicht wusste, was er tun sollte. Aber die 1000 Pesos zurückgefordert habe ich nicht. Ich hoffe, er hat sich davon etwas Gutes zu essen gekauft. Keine Leer-DVDs.
Lieber Leser, möglicherweise sagst du jetzt: „Mensch, selbsternannter Stournalist, du bist aber auch naiv und dumm, auf so etwas hereinzufallen.” Vielleicht. Aber ich tue das auch, um dir Geschichten zu erzählen. Aus rein stournalistischem Interesse.
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100 Pesos für ein Lächeln und eine Schaumstoffblume
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1000 Pesos für eine Leer-DVD
P.S.: Ein Kumpel hat das Blumenmädchen auf dem Bild erkannt. Es heiszt Paola und studiert an meiner Uni in Valparaíso Kunst.