Intro

28/10/2009

Hallo Welt, an diesem Ort und an dieser Stelle schreibe ich die Erfahrungen, die ich in meinem Auslandssemester in Chile sammle, nieder. Lange haben es höhere Mächte verhindert, hier etwas zu schreiben, aber jetzt geht’s los. Die Reise ist voller Erfahrungen, mein Kopf ist voller Ideen, und von meiner Mitteilungswut wollen wir gar nicht erst reden…

Es grüßt dich:

der Stournalist (rechts siehst du, warum er diesen komischen Namen trägt)

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Rostros de Valparaíso / Gesichter Valparaísos 2

28/10/2009

In Originalgröße gibt’s das Ganze nach dem Klick.

Rostros de Valparaíso / Gesichter Valparaísos 1

28/10/2009

Rostros de Valparaíso_tve

Hafenstädter in ihrem Alltagsleben

Die Fingerwickler Valparaísos

23/10/2009

Ich wurde in Chile an einem Tag zweimal beschissen um den Finger gewickelt. Einmal mit Liebreiz, einmal mit Hinterfotzigkeit. Das eine Mal um 100 Pesos (12,5 Cent), das andere Mal um 1000 Pesos (1,25 Euro). Was ich nicht möchte: in euch den Eindruck erwecken, Chile sei ein Land voller Betrüger. Ist es nicht. Nein, ich möchte euch einfach davon erzählen.

Das stumme Blumenmädchen

Ich saß gerade auf einer Parkbank auf der Plaza Victoria, beschäftigt mit meiner Fotokamera, als sich mir ein weibliches Wesen näherte. Weißgeschminktes Gesicht wie ein Clown, schwarze Haare. Ohne ein Wort zu sagen, aber verschmitzt grinsend, deutete es auf die Blumen in seiner Hand: Blüten und Blätter aus Schaumstoff auf einem Holzstengel. Gestenreich und wortfrei deutete es mir an, dass die Blumen 100 Pesos kosten. Nicht, dass ich an diesem Tag vorhatte, Blumen aus Schaumstoff zu kaufen. Aber wie elektrisiert griff ich zum Geldbeutel, gab dem Blumenmädchen eine 100-Pesos-Münze und suchte mir eine Blume mit oranger Blüte aus.

Der wortreiche Filmjunge

Am selben Tag wanderte ich die Avenida Pedro Montt entlang, eine der belebtesten Straßen Valparaísos. Ein Jugendlicher hielt mich auf und hielt einen Monolog über das, was da ausgebreitet auf dem Gehweg lag: DVDs von Kinofilmen. Ich verstand nicht sehr viel, aber ich wurde neugierig. In China zum Beispiel floriert das Geschäft von raubkopierten DVDs zum Spottpreis. Ich ließ seinen Wortschwall über mich ergehen, unterbrach mit Fragen, wann es mir möglich schien, da ich der Sache auf den Grund gehen wollte. Er erklärte mir, er hätte einen Rekorder, mit dem er Filmrollen auf DVDs überspielen könne. Oder so. In Chile sei das legal.

Aber er tat vor allem eines: Er pries sein Angebot an. Er habe Filme, die in Chile aktuell im Kino laufen, gerade erst ins Kino kommen oder gar noch nicht im Kino sind. Die größten Kassenschlager. Terminator 4, Final Destination 4, Slumdog-Millionär, den neuen mit Brad Pitt, den neuen mit Jodie Foster, Pornofilme, so ich die denn wolle. Alle in DVD-Qualität. In seiner Wohnung habe er insgesamt 10.000 Filme. Oder so. Er zeigte mir seine Bibel, ein Verzeichnis aller seiner Filme. Er fragte mich nicht nach meinem Filmgeschmack oder ob ich überhaupt Interesse an seinen Filmen hätte, und bot mir weitere Filme an. Alle für nur 1000 Pesos pro Stück.

Dann hatte ich genug erfahren. Ich wollte so eine Raubkopie DVD ausprobieren, suchte mir eine aus, eine chilenische Teenagerkomödie, die mich neugierig auf chilenische Teenagerkomödien machte. Ich teilte es ihm mit, er fragte mich, ob ich nicht mehr wolle, er habe auch xxx und blablabla und, wie bereits erwähnt, Terminator 4 und Final Destination 4. Nein, ich will nur den einen Film. Er verschwand, um den Film zu holen, in einem Gebäude nebenan. Die Minuten verstrichen, ich hätte abhauen können. Aber die Neugier und die Fairness zu diesem eifrigen Verkäufer in der Erwartung eines erfolgreichen Geschäfts ließ mich warten. Er kam wieder, meinte, er hätte ein Problem mit dem Schlüssel für sein Appartement. Und ob ich nicht noch mehr DVDs kaufen wolle. Nein, nur den einen Film. Er verschwand wieder, einige Minuten später kam er wieder, mit der DVD in der Hand. Oder besser gesagt einer Papierhülle, die Abkürzung des Filmtitels links oben mit Kugelschreiber hingeschrieben. Darin ein DVD-Rohling ohne Beschriftung.

Ich wurde wieder etwas skeptischer. Schaute mir die Rückseite der DVD an, ohne darauf zu erkennen, ob sie bespielt war, fragte ihn, wie ich wissen könne, dass dort wirklich das drauf sei, was er verspricht. Er meinte, er sei an diesem Ort bis zum späten Abend, bei Beschwerden könne ich ihn aufsuchen. Damit gab ich mich zufrieden, er bekam seine 1000 Pesos, ich meine DVD, Neugier und Fairness hatten gesiegt. Jedoch nicht von seiner Seite: Bei der Probe im DVD-Laufwerk zuhause stellte ich fest, dass die DVD leer war.

Der weitere Verlauf

Ich zog noch einen Gewinn aus dem Blumenmädchen. Ich war gerade unterwegs im Auftrag meines Fotojournalismusseminars, Persönlichkeiten Valparaísos abzulichten. Mit seinem Liebreiz kam das Mädchen mir gelegen. Ich fragte es nonverbal – denn nur so ging die Kommunikation mit ihm –, ob ich ein Foto von ihm schießen könne. Es war einverstanden, ich schoss das Foto, es gab mir die Hand, dann ging es weiter, um den nächsten Parkbesucher um den Finger zu wickeln. Vermutlich mit Erfolg; ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand ihr mit ihrer herzerweichenden Liebenswürdigkeit einen Schaumstoffblumenkauf verneinen könnte.

Der Filmjunge brachte mir einen Verlust von 1000 Pesos, oder – positiv gesehen – den Erwerb eines DVD-Rohlings. Einige Tage später sah ich im unweiten Viña del Mar auf dem Gehweg wieder einen Filmjungen. Ich glaube, es war mein Filmjunge. Ich glaube, er sah mich auch. Ich glaube, er versuchte, sein Gesicht zu verbergen. Ich schaute mich noch länger nach ihm um, er wirkte nervös, wie er so auf dem Gehweg stand und nicht wusste, was er tun sollte. Aber die 1000 Pesos zurückgefordert habe ich nicht. Ich hoffe, er hat sich davon etwas Gutes zu essen gekauft. Keine Leer-DVDs.

Lieber Leser, möglicherweise sagst du jetzt: „Mensch, selbsternannter Stournalist, du bist aber auch naiv und dumm, auf so etwas hereinzufallen.” Vielleicht. Aber ich tue das auch, um dir Geschichten zu erzählen. Aus rein stournalistischem Interesse.

P.S.: Ein Kumpel hat das Blumenmädchen auf dem Bild erkannt. Es heiszt Paola und studiert an meiner Uni in Valparaíso Kunst.

Ein Hundeleben in Valparaíso

16/09/2009

Faszinierend sind sie, die Straßenhunde Valparaísos. „perros quiltros“ existieren hier in großen Zahlen, und sie tun immer zur gleichen Zeit die gleichen Dinge: schlafen, kämpfen, schlafen, zusammenrotten, kämpfen, Touristen, die sie dabei filmen, nachstellen, an ihren Beinen zerren und an ihnen hochspringen, schlafen. Meistens aber schlafen sie, vor allem tagsüber. Das sieht dann auf den großen Plätzen aus wie ein Schlachtfeld schlafender Hunde. Geht es jedoch auf die Nacht zu, werden alle Hunde wach. Also rotten sie sich wieder zusammen und spielen. Mit wem und wie, das seht ihr hier:

Der Autofokus der Digitalkamera hat bisweilen den Schwanz eingezogen, aber das Faktum dürfte zu sehen sein. Auch dieses Video zeugt vom Eifer der Hunde:

AKTUALISIERUNG #1: Heute ist es passiert. Gemütlich saß ich mit dem Fahrer und drei weiteren Fahrgästen in einem Sammeltaxi, als plötzlich von vorne dieser Hund angesprungen kam… Mir fuhr der Schreck durch die Glieder und ich atmete tief durch, als ich begriff, dass weder Hund noch uns etwas passiert war. Die anderen Fahrgäste inklusive Fahrer zuckten mit keiner Wimper…

AKTUALISIERUNG #2: Schwesterchen hat es ja schon befürchtet, und eigentlich sollte ich euch diese traurige Info vorenthalten. Nun ja. Meine Nachbarin und Reisegefährtin Ellen hat letztens gesehen, wie ein Hund von einem Auto überfahren wurde, mit ziemlich übel verrenkten Gliedmaßen als Konsequenz. Vermutlich hat er’s nicht überlebt. No risk, no fun…

Die drei wichtigsten Ausdrücke der chilenischen Jugend

14/09/2009

Der erste Einkauf im Einkaufszentrum (> 2½h), das erste längere Gespräch mit einem Einheimischen (>2h) und neue Erkenntnisse über den chilenischen Wortschatz: So ging der zweite Tag in Chile zuende.

Ergeben hatte sich das aus anderem Interesse: Als ich an der Kasse stand, war ich erstaunt, als mich ein junger Mann begrüßte und meine Einkäufe in meine Tasche packte. Für mich eine völlig neue Erfahrung – im positiven Sinne, in Deutschland schwitze ich an der Kasse immer Blut und Wasser, weil die Kassierer/-innen viel schneller sind als ich. Nur hatte ich keine Ahnung, wie viel Trinkgeld so ein Einpackhelfer eigentlich bekommt, ob es da eine Norm gibt, an die sich alle halten. Also hab ich mir das Treiben an den Kassen noch länger angesehen. Plötzlich steht der junge Mann neben mir, fragt mich, ob ich irgendwelche Probleme hätte. Bass überrascht verneine ich, schaue weiter dem Treiben an den Kassen zu. Bis ich meine Chance wittere, „meinen“ Einpackhelfer beschäftigungslos sehe. Ich gehe zu ihm hin, frage ihn alles, was ich über die Einpackhelfer, Empaques heißen sie, wissen will. Geduldig beantwortet er, Ángel sein Name, alle meine in unbeholfenem Spanisch formulierten Fragen, spricht für mich in an Gringo-Niveau angepasster Sprache und Tempo – andernfalls hätte ich nichts verstanden – und packt zugleich die Sachen seiner Kunden ein. Philosophiert darüber, wie schwer es doch für mich hier sein muss. Das weiß ich. Was ich nicht weiß, breitet er mir anschließend in aller Ausführlichkeit aus: die drei Begriffe, die sich unter den jungen Leuten Chiles hoher Beliebtheit erfreuen. Etwa eine Dreiviertelstunde braucht er für jeden Begriff, erläutert, gibt Beispiele aus dem Alltag für deren Verwendung. Mit hohem Lernwert, aber hier nicht wiederzugeben. Er meint, es gäbe Lexika nur für diese Begriffe. Doch zum Glück schreibt er mir die Begriffe in meinen Notizblock, mit kurzen Erläuterungen, die dudenreif sind.

Und hier sind sie, die drei wichtigsten Ausdrücke der chilenischen Jugend gemäß Ángel:

  1. el hueón/weón (m.); la hueona/weona (f.); [ueo’n/ueo’na]: bekannte oder unbekannte Person. informell. dumme Person. bei vertrauten Freunden verwenden.
  2. la huea/wea (f.); [uea‘]: Sache, Person oder Situation. kann gut oder schlecht sein, hängt von der Situation ab. informell.
  3. el maricón (m.); la maricona (f.); [mariko’n]: Schwuchtel, Homosexueller; Gesinnungslump, schadet mit seinen Worten oder Aktionen anderen Personen.

Abschließend sei noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass diese Wörter nur im Umgang mit vertrauten Personen verwendet werden sollten. Ich übernehme keine Haftung. Danke an Ángel für diese erste Lehrstunde in Sachen chilenisch.Und die chilenische Jugend kann noch mehr…

Der erste Blick aus dem Fenster

14/09/2009

Kein anderes Land konnte mich beim ersten Anblick so hinreißen. Stunden verbringe ich im Flugzeug, fühle mich allein. Dann ein schläfriger Blick aus dem Bullauge. Und was sehe ich? Soweit das Auge reicht, nur schneebedeckte Berge.  Ich schwebe knapp über den Anden. Eine Widerspiegelung meiner Gefühle und Erwartungen: Freiheit, unter mir eine faszinierende, märchenhafte Welt, aber das Risiko, mit den Klippen dieser neuen Welt zusammenzustoßen, ist sichtbar…


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